Ringvorlesung des Collegium generale: Der menschliche Körper – Vorstellungen und Grenzen

Entgrenzte Körper? Enhancement und Hybridisierung von menschlichen Körpern im Leistungssport

Mittwoch, 30.09.2026, 18:15 Uhr

Bild von Sandra Günter

 

Veranstaltende: Collegium generale
Referierende: Prof. Dr. Sandra Günter, Sportwissenschaft, Leibniz ±«²Ô¾±±¹±ð°ù²õ¾±³Ùä³Ù Hannover
Datum: 30.09.2026
Uhrzeit: 18:15 - 19:45 Uhr
Ort: Auditorium maximum, Raum 110
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Hochschulstrasse 4
3012 Bern
Anmeldung: Keine Anmeldung erforderlich
Merkmale: Ö´Ú´Ú±ð²Ô³Ù±ô¾±³¦³ó
kostenlos

Abstract

„Human Enhancement“ ist ein faszinierendes Prisma, durch welches sich aktuelle Fragen zu sozialer Partizipation, Gleichheit und der Autonomie des Subjekts in unterschiedlichen sozialen Feldern reflektieren lassen. In diesem Kontext scheint jedoch der Definitionsbereich der exklusiven Natürlichkeit des menschlichen Körpers zunehmend zu schrumpfen (Bette & Schimank 1995, S. 155–167). Welche sportlichen Leistungen als „unnatürlich“ definiert werden, hängt dabei von historischen, soziogeographischen und machtpolitisch kontingenten Bedingungen ab (Bette & Schimank 1995, S. 156–157).

Der Leistungssport ist vom „Body Enhancement“ in besonderer Weise betroffen, liegt diesem Feld doch das Überbietungsprinzip des „höher, schneller, weiter“ zugrunde. Der als Spektakel inszenierte Spitzensport existiert auf der Grundlage überragender, außergewöhnlicher körperlicher Leistungen (Gebauer 2002, S. 227–257). Spitzensport lebt von facettenreichen Normabweichungen – von übergewichtigen Sumoringerinnen bis zu untergewichtigen rhythmischen Sportgymnastinnen (van Hilvoorde & Landeweerd 2008, S. 104). Wir bewundern „natürliche“ Körper, die „übernatürliche“ Leistungen erbringen.

Der Leistungssport feiert Körper, die aufgrund genetischer Voraussetzungen, Training, Disziplin und technologischer Unterstützung außergewöhnliche Leistungen hervorbringen. Damit wird gerade die körperliche Abweichung von gesellschaftlichen Normalitätsvorstellungen zum Gegenstand sportlicher Bewunderung (Gebauer 2002; van Hilvoorde & Landeweerd 2008). Gleichzeitig wird der „natürliche“ Körper durch Regeln, Dopingkontrollen und institutionelle Grenzziehungen geschützt und reguliert – gleichsam als ein „Naturschutzgebiet“, wie Siep (2005, S. 167) pointiert formuliert, „unter Naturschutz“ gestellt, und Dopingkontrolleurinnen als „Naturschützerinnen“ in diesem Natürlichkeitsreservat auftreten.

Mit der zunehmenden Verbreitung generativer Künstlicher Intelligenz erhält die Frage nach entgrenzten Körpern und Körperbildern eine neue zusätzliche Dimension. Denn KI verändert nicht nur die Möglichkeiten der körperlichen Optimierung, sondern auch die Vorstellungen davon, wie ein leistungsfähiger und sportlicher Körper aussieht. Die aktuelle Studie von Thibodeau et al. (2025) zeigt, dass generative KI bei der Darstellung von Athletinnen bevorzugt stark muskulöse Körper mit sehr niedrigem Körperfettanteil erzeugt und dabei geschlechtsbezogene Stereotype sowie eine geringe körperliche Diversität reproduziert. Algorithmen werden damit selbst zu Akteurinnen der Produktion und Zirkulation von Körpernormen und -bildern.

Der Vortrag fragt daher danach, wie sich die Grenzen zwischen natürlichem, optimiertem, augmentiertem und hybridisiertem Körper im Leistungssport verschieben. Im Zentrum steht dabei nicht allein die technologische Veränderung des Körpers, sondern die gesellschaftliche Produktion von Vorstellungen darüber. Wenn generative KI zunehmend Bilder solcher Körper erzeugt, stellt sich die Frage, ob künftig nicht nur der Sportkörper selbst, sondern auch die Normen, an denen sich seine Optimierung orientiert, technologisch mitproduziert werden. Beim Einsatz generativer KI findet eine Art „symbolische Augmentierung“, also Erweiterung des Körpers, statt – nicht der Körper selbst wird technisch erweitert, sondern die Vorstellung davon, was ein Körper sein und leisten könnte, wird technologisch erweitert und zugleich normiert und normalisiert. Enhancement, Augmentierung und Hybridisierung erscheinen damit als Prozesse der gesellschaftlichen Aushandlung über Körper, Leistung und Normalität – und erö´Ú´Ú²Ô±ð²Ô aus sportwissenschaftlicher, insbesondere sport- und körpersoziologischer Perspektive einen Blick auf die sich wandelnden Grenzen des „natürlichen“ menschlichen Körpers und dies nicht nur im Leistungssport.